Jubiläum 25 Jahre Orgelweihe

Orgel des Erftaldoms richtig in Szene gesetzt
 B–A–C–H: Klar und warm durchdringen die vier markanten Töne die sakrale Stille des Kirchenraums. Mit Franz Liszts monumentalem Präludium und Fuge über das Thema B-A-C-H setzt der Konzertabend im fast zur Hälfte gefüllten Erftaldom in Hardheim ein kraftvolles Zeichen. Was folgt, sind grollende, fast bedrohlich wirkende Klangballungen, die sich immer weiter und schneller verdichten – getragen vom satten, zugleich transparenten Sound der Vleugels-Orgel. Der Kirchenraum öffnet sich, füllt sich, beginnt zu atmen.
Die Orgel der katholischen Pfarrkirche St. Alban, wie der Erftaldom offiziell heißt, feiert in diesem Jahr ein kleines Jubiläum: Im 25. Jahr nach ihrer Wiedereinweihung – nach Abschluss der umfassenden Sanierungsarbeiten im Dezember 2001 – zeigt sie eindrucksvoll, was in ihr steckt.
Liszt ist für den Organisten fast ein Pflichtprogramm
An den Manualen und Registern sitzt an diesem Sonntagabend der gebürtige Ungar Antal Váradi, Organist und Jugendchorleiter an der Heilig-Kreuz-Gemeinde in Stuttgart. Der international ausgezeichnete Kirchenmusiker, der unter anderem in Wien und Zürich Station machte, ist erstmals in Hardheim zu Gast. Seine Mission für den Abend formuliert er im Vorfeld klar: „Ich möchte die Farbklänge dieser schönen großen Orgel in allen Facetten zum Ausdruck bringen.“
Dass er das Programm mit Liszt eröffnet, ist dabei kein Zufall. Franz Liszt sei für ihn als Ungar fast Pflichtprogramm, sagt Váradi. Gleichzeitig wolle er mit seiner Stückauswahl einem gängigen Vorurteil begegnen: der Orgel als starrem, unflexiblem Instrument. „Mit farbiger Darstellung wird es nicht langweilig.“ Das B-A-C-H-Motiv, Liszts Hommage an Johann Sebastian Bach, arbeitet er klar heraus – mit breiten, aber transparenten Klangfarben. Ein Werk, das ihn bereits im Studium begleitet habe und an dem er bis heute große Freude empfinde.
Nach der wuchtigen Eröffnung schlägt Váradi leisere, beinahe verspielte Töne an. Zart und filigran erklingt Beethovens Adagio assai aus „Fünf Stücke“ für Flötenuhr. Ludwig van Beethoven schrieb sie einst für mechanische Uhren, die im 18./19. Jahrhundert ihre Blütezeit hatten und zu festgelegten Zeiten kleine Orgelpfeifen zum Klingen brachten. Entsprechend behutsam registriert Váradi, lässt die Musik fast tänzerisch tirillierend durch den Raum schweben.
Gerade die Herausforderung habe ihn gereizt, erklärte er im Vorfeld: Er habe sich kaum vorstellen können, wie diese anspruchsvollen Kompositionen ursprünglich auf einer Flötenuhr klangen – umso spannender sei es gewesen, ihnen auf der großen Orgel neue Farben zu verleihen.
Ein persönliches Herzensstück folgt mit Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“. Schon lange habe er dieses Werk spielen wollen, erzählt Váradi, und bewusst nach einer geeigneten Orgelbearbeitung gesucht. Fündig wurde er bei Jean Guillou – allerdings nicht ohne eigene Eingriffe. Dessen Fassung sei ihm stellenweise zu extravagant gewesen, mit zu vielen eigeninterpretatorischen Einschüben. Also rückte Váradi das Werk wieder näher an die orchestrale Fassung heran.
Zuvor jedoch lässt er den Abend im melancholisch-romantischen Licht sinnbildlich ausklingen – zumindest vorläufig. Mit Abendklängen von Sigfrid Karg-Elert, den Váradi augenzwinkernd als „den Ravel der Orgelkomponisten“ bezeichnet, taucht er den Erftaldom in warme, schwermütig anmutende Farben. Er bittet das Publikum, die Augen zu schließen, zu träumen – und viele folgen der Einladung.
Der musikalische Höhepunkt gehört schließlich ganz Mussorgski. In der leicht abgewandelten Guillou-Fassung entfaltet der ursprünglich für Klavier komponierte Zyklus eine enorme Klanggewalt. Kaum ein Register der Vleugels-Orgel bleibt ungenutzt. Die wiederkehrenden Promenaden und die vertonten Bilder – vom giftigen kleinen Zwerg über das ehrwürdige alte Schloss bis hin zum monumentalen Großen Tor von Kiew – wechseln zwischen zartem Schimmern, düsterer Bedrängnis, quirligem Zirpen und steigern sich bis zu einer alles überspannenden Fülle.
Viele Zuhörer sitzen mit geneigten Köpfen und geschlossenen Augen in den Reihen. Fast greifbar malt Váradi die Bilder neu – nicht mit Pinsel, sondern mit Klang.
Der Freundeskreis Erftaldomorgel als Motor der Konzertreihe
Dass Konzerte wie dieses in Hardheim stattfinden, ist dem Freundeskreis Erftaldomorgel zu verdanken. Vier bis sechs musikbegeisterte Mitglieder organisieren die Reihe ehrenamtlich, darunter Bernhard Berberich, Initiator und seit Wiedereinweihung der Orgel dabei. Einmal jährlich wird das Programm für die kommende Saison abgestimmt – fachlich unterstützt von der ortsansässigen Orgelbauerfamilie Vleugels, die ihr Netzwerk an renommierten Organisten einbringen.
Die musikalische Gestaltung liegt bewusst bei den Künstlern selbst. „Die Organisten lernen das Instrument kennen und schlagen dann ihr Programm vor“, erklärt Berberich. Dieses Vertrauen habe sich bewährt – ebenso wie die solide Organisation: Ohne Sponsoren und ohne aktive Spendenwerbung gelinge es seit Jahren, die Konzerte kostendeckend durchzuführen. Kleine Rücklagen reichen für Plakate und Flyer, finanziell sei man „sehr zufrieden“ und komme bei plus minus null raus.
Die Vleugels-Orgel selbst genießt inzwischen überregionale Aufmerksamkeit. Nach der aufwendigen Sanierung – inklusive Reinigung von über 3000 Pfeifen und dem späteren Einbau eines 49. Registers – hat sie sich als Konzertinstrument etabliert. Besucher reisen dafür auch aus Aschaffenburg, Heilbronn, Würzburg oder Berlin an, Fachmedien führen den Erftaldom längst als renommierten Spielort.
Dabei bleibt die Konzertreihe offen für neue Formate: Orgelkino mit Stummfilmvertonung, ungewöhnliche Instrumentenkombinationen, Rockkonzerte. Auch eine zukünftige Liveübertragung des Spiels auf Großleinwand in den Kirchenraum sei denkbar.
Am Ende des klangfarbenfrohen Abends gibt es eine Zugabe – und langen, herzlichen Applaus. „Das war doch schön“, ist mehrfach aus den Reihen zu hören.
Antal Váradi zeigt sich nach dem Konzert zufrieden. Die große Orgel habe ihn gefordert, sagt er, sie sei deutlich mächtiger als das Instrument, an dem er sonst spiele. „Das hat Kraft gekostet.“ Der Einsatz hat sich gelohnt und sein Ziel, die Orgel mit all ihren Farben richtig in Szene zu setzen, ist aufgegangen.
Orgelbauer Johannes Vleugels bringt es schließlich auf den Punkt: Es sei immer das Zusammenspiel von Instrument und Organist, das ein solches Klangerlebnis möglich mache. An diesem Abend im Erftaldom war genau das zu hören – und zu spüren.
 
3.03.2026  Hardheim. Claudia Kahnt FN
 
Antal Váradi, geboren 1975 in Debrecen (Ungarn), legte bereits mit 13 Jahren die C-Orgelprüfung ab.
 
Von 1993-1998 studierte er an der Franz-Liszt-Hochschule Debrecen Orgel und Kirchenmusik (Abschluss mit Auszeichnung). Von 1999-2003 folgte ein Studium an der Musikhochschule Stuttgart bei Prof. Ludger Lohmann (ebenfalls Abschluss mit Auszeichnung) und danach das A-Kirchenmusiker-Examen an den Hochschulen für Kirchenmusik in Rottenburg und Tübingen. Meisterkurse bei Oliver Latry, Lorenzo Ghielmi, David Titterington und Bernhard Haas. Er war Stipendiat der Alfred-Töpfer-Stiftung und erhielt den Förderpreis des Deutschen Tonkünstlerverbandes. Zahlreiche 1. und 2. Preise bei internationalen Orgelwettbewerben sowie Sonderpreise für das beste moderne Stück und die beste Bach-Interpretation. Im Rahmen von Gottesdiensten spielte er Bachs gesamtes Orgelwerk.
Antal Váradi ist in Stuttgart in der Heilig-Kreuz und der St. Thomas Kirche als Organist tätig. Er ist Korrepetitor beim Knabenchor Collegium Iuvenum Stuttgart. Ebenso ist er Orgelsachverständiger der Ev. Landeskirche Württemberg. Seit 2020 ist er Bischöflicher Orgelrevisor der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Als Begleiter verschiedener Chöre ist er gefragt und arbeitet mit verschiedenen Chören. Konzertreisen führten ihn nach Dänemark, Norwegen, Österreich, Schweiz, Italien, Rumänien, Tschechien und immer wieder nach Ungarn. Er gastierte beim ORF Wien, den Ludwigsburger Schlossfestspielen, den Dresdner Musikfestspielen, im Dom von St. Gallen und im Großmünster Zürich. Bekannt wurde er durch seine Bearbeitungen symphonischer Werke für Orgel wie „Die Nacht auf dem kahlen Berge" (Mussorgski), „Harmonies du sole" und „Totentanz" (Liszt) und „Die Moldau" (Smetana).
 
 
Konzertprogramm Antal Váradi  1. März 2026   18.00 Uhr
 
Franz Liszt:
1811-1886
Präludium und Fuge über das Thema B-A-C-H
Ludwig van Beethoven:
1770-1827 
aus „Fünf Stücke für Flötenuhr“ WoO 33/3     Adagio assai
Sigfrid Karg-Elert:
1877-1933 
Harmonies du soir op.72/1
Modest Mussorgsky: 
1839-1881
Bilder einer Ausstellung
(Orgelfassung: Guillou-Váradi)
 
Promenade
  • Der Zwerg
Promenade  
  • Das alte Schloss
Promenade
 - Tuilerien
Streit der Kinder nach dem Spiel
  
Promenade
 - Ballett der Küken in dem Ei  Samuel Goldenberg u. Schmuyle
                                                         Promenade
  • Der Marktplatz von Limoges 
    Catacombae
  • Cum mortuis in lingua mortua
  • Die Hütte auf Hühnerfüßen (Baba-Yaga)
  • Das große Tor von Kiev